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Dr. med. Till Mendler
Facharzt für psychotherapeutische Medizin (TP)

Narzissmus bei Essstörungen - Der eigentliche Hunger nach Anerkennung

Die Erfahrung in der Behandlung von anorektischen und bulimischen Patientinnen zeigt, dass die Essstörung unbewusst ein Platzhalter für eine deutlich tiefer liegende Ambivalenz zwischen Hunger und Verzichtideal ist, Ausdruck einer Pseudoautonomie, die einerseits die Entwicklung einer echten, erwachsenen Autonomie behindert, andererseits aber auch den Wunsch nach letzterer zum Ausdruck bringt. Die typischerweise in der Adoleszenz auftretende Symptomatik wurzelt im gleichzeitigen Verwirklichen von Klein- und Großseinwollen, im Konflikt zwischen autonomer Abgrenzung vom Elternhaus und regressiven Bedürfnissen. In der Anorexie scheint dabei eine durch den erfolgreichen Verzicht begünstigte Selbstwertstabilisierung zu entstehen. Auch in der schizoid wirkenden Beziehungsgestaltung wird immer wieder der subjektive Triumph der Betroffenen deutlich. Erfolgreiche Gewichtsreduktion und Entmachtung von Bezugspersonen werden beide als narzisstische Gratifikation erlebt und durch eine Körperschemastörung stabilisiert.

In der heimlichen Krankheit, der Bulimie, führen dagegen die negativen Aspekte der nar-zisstischen Problematik im Sinne von Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstwertkrisen. Essattacken und häufiges Erbrechen werden mit Scham und Ekel vor sich selbst erlebt, also als narzisstische Kränkungen, was die Verheimlichung der Problematik wesentlich begünstigt. Nach außen wird das Bild der gesunden jungen Frau aufrechterhalten, innen herrscht ein strenger Zensor, dessen Vorwürfe häufig nur durch anfallsartige massive Selbstbelohnungen neutralisiert werden. Als motivationaler Hintergrund finden sich in der Anamnese von Patientinnen mit Bulimie überzufällig häufig kränkende, abwertende oder traumatisierende Vorerfahrungen.

Eine gelingende Behandlung von Patientinnen mit Anorexie oder Bulimie ist meines Erachtens nur möglich, wenn die narzisstische Problematik und der Affekt der Scham nicht nur im Verständnis des gesamten Krankheitsbildes, sondern auch in der Therapie ausreichend gewürdigt wird. Die Rückgewinnung echter Autonomie scheint mir aber nur dann möglich, wenn wir unseren Patientinnen zuvor ermöglichen, sich ein hinreichend stabiles Selbstwertgefühl zu erarbeiten.

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